Zwei Adressen, zwei Preise
Zwei Haushalte mit demselben Verbrauch und demselben Anbieter zahlen je nach Wohnort trotzdem unterschiedlich viel. Der Grund liegt selten beim Lieferanten, sondern beim Netzentgelt: Deutschland hat rund 880 Verteilnetzbetreiber, und die günstigsten Netzgebiete liegen bei rund 5 Cent je Kilowattstunde Netznutzungsentgelt, die teuersten deutlich über 10 Cent. Warum das so ist und was du daran tatsächlich ändern kannst, klärt dieser Beitrag.
Was ein Netzentgelt überhaupt ist
Strom fließt über Hoch-, Mittel- und Niederspannungsnetze bis in deine Steckdose. Für die Nutzung dieser Infrastruktur zahlt jeder Verbraucher ein Netzentgelt. Es ist fester Bestandteil jeder Stromrechnung, wird vom Lieferanten zusammen mit der Energiemenge abgerechnet, fließt aber vollständig an den Netzbetreiber weiter.
Laut BNetzA-Monitoringbericht machen Netzentgelte inklusive Messstellenbetrieb rund ein Fünftel bis ein Viertel des Haushaltsstrompreises aus (vgl. Quellen). Wie groß der Anteil genau ausfällt, hängt von Region, Netzbetreiber und Tarifjahr ab.
Wer die Höhe festlegt
Netzbetreiber sind natürliche Monopole, deshalb wählt niemand seinen Netzbetreiber selbst. Damit die Entgelte trotzdem fair bleiben, legt die Bundesnetzagentur (BNetzA) im System der Anreizregulierung zulässige Erlösobergrenzen fest (§ 21 EnWG, Stromnetzentgeltverordnung). Innerhalb dieses Rahmens kalkuliert jeder Netzbetreiber seine eigene Entgelttabelle.
§ 23b EnWG verpflichtet Netzbetreiber, ihre Netzentgelte im Internet zu veröffentlichen. Sie stehen auf der Website deines Netzbetreibers unter “Netzentgelte” oder “Netznutzung”.
Die Treiber hinter den regionalen Unterschieden
Vier Faktoren erklären das Gefälle zwischen den Netzgebieten am stärksten:
Alter und Zustand des Netzes. Ältere Netze mit hohem Sanierungsbedarf erzeugen höhere Kapitalkosten, die auf alle Netznutzer umgelegt werden.
Bevölkerungs- und Abnahmedichte. Je mehr Kunden an einem Netz hängen und je mehr Strom insgesamt abgenommen wird, desto geringer der Kostenanteil je Kilowattstunde. Ländliche Regionen mit langen Leitungen und wenig Abnahme zahlen strukturell mehr.
Erneuerbaren-Anteil und Netzausbau. Regionen mit viel Wind- und Solarstrom brauchen leistungsfähigere Netze für die Spitzenleistung. Diese Investitionen schlagen sich in den Entgelten nieder.
Redispatch-Kosten. Kann Windstrom aus dem Norden nicht direkt dorthin fließen, wo er gebraucht wird, müssen andernorts Kraftwerke hoch- oder runtergeregelt werden. Diese Kosten tragen die Netzbetreiber und verteilen sie über die Entgelte.
Hinzu kommt die Konzessionsabgabe, die Netzbetreiber an Städte und Gemeinden für die Nutzung öffentlicher Wege zahlen und die ebenfalls in die Kalkulation einfließt.
Pauschal gilt: Norddeutschland zahlt durch hohen Windstromanteil und lange Transportwege oft überdurchschnittlich. Ein festes Gesetz ist das aber nicht, denn auch dünn besiedelte Netzgebiete im Süden liegen wegen geringer Kundendichte hoch, während manche städtischen Netze im Norden vergleichsweise günstig bleiben. Den verlässlichsten Überblick bietet die BNetzA-Übersicht aller gemeldeten Netzentgelte (vgl. Quellen).
Was du beeinflussen kannst und was nicht
Netzentgelt, Messstellenbetrieb, Stromsteuer und staatliche Umlagen sind für jeden Tarif an deiner Adresse identisch, daran ändert kein Wechsel etwas. Was du sehr wohl wählst, ist dein Stromlieferant. Dessen Anteil, Energieeinkauf und Handelsmarge, macht einen wesentlichen Teil der Preisunterschiede zwischen Tarifen aus.
Der Gesetzgeber hat in den vergangenen Jahren zudem Entlastungen bei besonders hohen Netzentgelten geprüft, etwa bundesweite Zuschüsse zu den Übertragungsnetzentgelten und Diskussionen über eine stärkere Wälzung regionaler Unterschiede. Ob solche Maßnahmen aktuell fortbestehen, richtet sich nach der jeweils gültigen Gesetzeslage und lässt sich beim Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz oder der BNetzA prüfen.
Ein Wechsel aus der teuren Grundversorgung in einen Wettbewerbstarif kann je nach Region und Verbrauch mehrere Hundert Euro im Jahr ausmachen. Was für dein Netzgebiet realistisch ist, zeigt der Stromkostenrechner. Wie der Wechsel abläuft, erklärt die Hubseite Stromanbieter wechseln.